Musik machen – einfach um ihrer selbst willen? Nichts für Matthew Herbert. Seine Musik hat immer einen politischen Grundton, sogar ohne Worte, und man kann zu ihr tanzen. Vor mehr als 25 Jahren begann er mit dem Sampling von McDonald's-Verpackungen und Chipstüten, er baute seine Techno-Tracks aus den Geräuschen, die sein direktes Umfeld hergab. Jeder Klang hat eine Herkunftsgeschichte – und Musik, die aus vielen solcher Klänge zusammengesetzt ist, kann all diese Geschichten erzählen. Längst gilt der Brite als eigenwilliger Konzeptionist, der Pierre Schaeffers Idee der Konkreten Musik aus den Fünfzigerjahren auf den Pop der Gegenwart übertragen hat.
Matthew Herbert meint das verdammt ernst. Er übt drastische Kritik an einer globalisierten Überflussgesellschaft, weist auf politische und ökologische Missstände hin, kommentiert moderne Lebensentwürfe. Aus dem Gegacker von Legehennen schuf er 2005 den Tanztrack The Truncated Life of a Modern Industrialised Chicken. Für One Pig (2009) ließ er aus einem geschlachteten Schwein Trommeln, Drumsticks und eine Schweineblutorgel bauen und bespielen. Und in The End of Silence (2015) bestreitet er mit einer zehnsekündigen Tonaufnahme eines libyschen Bombenangriffs in tausendfach bearbeiteter Form ein ganzes Album.
Herbert, der auch als Radioboy, Wishmountain oder Doctor Rockit aktiv war, denkt Musik. Und zu seinem Denken gehört jetzt auch das Schreiben. Warum brauchen wir Musik? Auf welchen Voraussetzungen fußt dieser Genuss? Wie kann sie Kritik üben? Und was heißt es, dass wir zu einem Track tanzen – während beispielsweise ein US-Präsident mit seinen internationalen Partnern bricht? Seine Überlegungen finden sich nun in dem Buch The Music, das im britischen Crowdfunding-Verlag Unbound erschienen ist. Es verleiht diesen Fragen eine besonders wirkungsvolle poetische Radikalität.
So enttäuschend es sein mag – Sprache kann, wenn es um die Herkunft von Klängen geht, manchmal mehr erzählen als die Klänge selbst. Matthew Herbert scheint vor einem großen Problem zu stehen: Er möchte die Welt hörbar machen, aber die Gesamtheit aller geräuschvollen Vorgänge ist nicht öffentlich zugänglich. Und Imitation ist verboten. Wenn Angela Merkel und Barack Obama beim Dinner im privaten Kreis mit Champagnergläsern anstoßen, wie soll der Musiker an diesen Klang kommen? Wie an die Gesamtheit aller Handschläge, die zwischen zwei Freunden jemals getätigt wurden?
Von Konkreter Musik zu Konkreter Poesie
In The Music hat Herbert nun genau das aufgeschrieben, was er gern hören würde, aber praktisch nicht imstande ist aufzunehmen. Er dreht den Spieß um und beschreibt Klangszenen, die real nicht existieren, aber genau die politisch aufgeladenen Bedeutungswelten evozieren, die sich der Musiker vorstellt. "Diese Melodie", so schreibt er zum Beispiel, "klingt wie der Aufschrei eines fälschlicherweise als irgendwie asiatisch bezeichneten Volksinstruments, aber tatsächlich stammt es vom Bremsenquietschen des cremefarbenen Mercedes-Taxis, das irgendeinen schläfrigen weißen Amerikaner vom Flughafen abholt."
Wie ein Filmregisseur fügt er gewöhnliche, unbeachtete oder unheilvolle Dinge, Menschen und Ereignisse zu nahezu unendlichen Verkettungen aneinander. Im Prelude, der Eröffnung des Buches, rauschen zunächst die Ozeane, dann verschieben sich die Kontinentalplatten und damit die auf ihnen schlafenden Menschen in vielerlei Ländern. Später zieht Herbert den Leser in eine Kontemplation einiger Dutzend Dinge, die Spritzgeräusche machen. Oder: Ein Skateboard rollt durch Katzenkot, ein Kind in einem Flüchtlingscamp bei Calais tritt eine leere Plastikflasche, die Müllpresse im Wagen der Stadtreinigung malmt und knirscht, das Ventil in einer Bromfabrik explodiert, eine Ärztin schiebt die Reste ihres Kebabs in den Mülleimer. Es bleibt dem Publikum überlassen, aus diesen Assoziationsketten von Klangereignissen eine Aussage herauszulesen.
Von der Konkreten Musik zur Konkreten Poesie ist es für Matthew Herbert nur ein kleiner Schritt. Mitunter sind seine Geräuschgedichte auch grafisch plakativ gesetzt. Die Texte in The Music berichten weiter von den Handlungen und Haltungen, die hinter Klängen stehen, und natürlich auch von der Faszination der hörbaren und nicht hörbaren Klänge selbst, die immerzu und überall produziert und allzu selten wahrgenommen werden. "Wir blenden über in einen anderen Klang – 180.000 Hotel-Minibar-Kühlschränke, viele von ihnen leer, grimmig und unisono vor sich hin brummend."
Auf 224 Buchseiten baut Herbert so immer wieder monströse, globale Klangwelten auf, um sie dann beispielsweise mit dem Tun einzelner Menschen zu konfrontieren. Seine aktivistische Botschaft schimmert stets durch: Wir alle sind verantwortlich für das, was auf der Erde geschieht. In insgesamt zwölf Kapiteln mit klassischen Satzbezeichungen wie Allegro oder Andante, die in diesem Kontext nahezu ironisch wirken, imaginiert sich Herbert so die aus seiner Sicht beste aller möglichen Musikwelten – nämlich eine, in der alle Ambivalenzen zwischen Luxus und Armut, zwischen Privilegien und Ausbeutung, mitschwingen.
Vor 18 Jahren hat Matthew Herbert quasi das Biosiegel für Musik erfunden, indem er in seinem Dogma P.C.C.C.O.M. auf die Offenlegung der Herkunft aller Klänge in seinen Produktionen bestand. Sein Buch The Music ist die nun radikale Ausformulierung dieses ästhetisch-politischen Denkens. Es wäre kein Nachteil, wenn das Schule machte.
Matthew Herbert: "The Music: A Novel Through Sound", Unbound 2018, 224 Seiten, 12,95 €